Vom „Elektronischen Ohr“… zum „Brain Activator“

Prof. Tomatis entwickelte in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein „Elektronisches Ohr“. Dieses erste Gerät hatte einen manuell zu bedienenden Schalter zum Wechseln der Kanäle. Später hat Tomatis diesen manuellen Kipp-Effekt durch eine elektronische Steuerung ersetzt, die in Abhängigkeit der Lautstärke arbeitete. 1958 bei der Weltausstellung in Brüssel bekam Prof. Tomatis für seine wissenschaftliche Forschung und das auf diesen Grundlagen entwickelte „Elektronische Ohr“ eine Goldmedaille. Seine vielfältigen Forschungen zeigten ständig neue Ergebnisse, die wiederum zu regelmäßigen Verbesserungen am Elektronischen Ohr führten.
 
FOTOGALERIE ELEKTRONISCHES OHR
 
In diesem Elektronischen Ohr werden die Klänge (Musik oder Mutterstimme, wofür damals Spulentonbandgeräten benutzt wurden), im ständigen, unregelmäßigen Wechsel durch zwei „Kanäle“ geschickt: Solange die Intensität im Bereich um 1000 Hz leiser ist als 40 dB, werden die Klänge im unteren Kanal (K1) verarbeitet; wird die Lautstärke bei 1000 Hz größer, dann „kippt“ die Verarbeitung der Klänge in den oberen Kanal (K2). Sobald die Intensität wieder geringer als 40 dB wird, wird prompt wieder in den unteren Kanal zurückgeschaltet.
 
Bei der am meisten benutzten Einstellung (pädagogische E.) wird im unteren Kanal (K1) die Lautstärke der Bässe bis 1000 Hz verstärkt und die der Höhen oberhalb von 1000 Hz abgeschwächt. Weil tiefe Töne den Menschen eher zur Ruhe bringen, hat die Musik, wenn sie in diesem Kanal verarbeitet wird, eine entspannende und beruhigende Wirkung.
 
Parallel dazu wird im oberen Kanal (K2) die Lautstärke der Bässe (bis 1000 Hz) abgeschwächt und die der Höhen (ab 1000 Hz) verstärkt, was eine Aktivierung / Dynamisierung des Gehirns bewirkt.
Tomatis hat mit seinen Forschungsarbeiten gezeigt, dass die Dominanz des rechten Ohres für eine gute Kontrolle der Sprache notwendig ist. Diese Erkenntnis führte zu einer zusätzlichen Einstellmöglichkeit am „Elektronischen Ohr“, mit der die Intensität der Stimulation des rechten und des linken Ohres unterschiedlich geregelt werden kann.
 
Bei der nächsten Stufe der Weiterentwicklung entstand ein Regler (der „Delay“, ursprünglich von Tomatis auf Französisch „Retard“ genannt), der die Möglichkeiten des Sprach- und Stimmtrainings wesentlich verbesserte. Mit diesem Regler wird eine Verzögerung beim Wechsel vom unteren Kanal (K1) zum oberen Kanal (K2) eingestellt. Die einzustellende Verzögerungszeit ist für jede Sprache unterschiedlich, sie entspricht der durchschnittlichen Dauer, die für das Aussprechen einer Silbe benötigt wird.
 
Ende der 70er Jahre entwickelte Tomatis mit einer Gruppe von Wissenschaftlern in Toronto die Stimulation über die Knochenleitung. Gleichzeitig erweiterte er die Funktionen der Geräte um die „Präzession“, eine Reglung, mit der der Wechsel der Luftleitung von K1 nach K2 gegenüber der Knochenleitung mehr oder weniger verzögert wird. (Die „Knochenleitung“ schreitet der Luftleitung voran; Präzession heißt voranschreiten.) Die Aufgabe dieser Präzession besteht darin, über die Knochenleitung eine „Vorwarnung“ zu geben: „Achtung, bereitmachen, es gibt gleich etwas zu hören.“ Auch diese Präzessionszeit ist für die einzelnen Sprachen unterschiedlich.
 
Bei seinen Analysen der Hörwahrnehmung von Caruso fand Tomatis eine Anstiegssteilheit der Luftleitungskurve von 6 dB pro Oktave. Seine weitere Forschungsarbeit überzeugte ihn, dass eine solche Steilheit optimal für die Analyse von Klängen sei. Aus diesem Grund wählte er auch für die Klangregler von K1 und K2 in seinem Elektronischen Ohr eine Steilheit, einen „Gradienten“ von 6 dB pro Oktave.
 
Nachdem Tomatis 1998 sein spirituelles Erbe an MBL übertragen hatte, fing Jozef Vervoort an, die Technik des Elektronischen Ohres weiterzuentwickeln. Einerseits mit Hilfe der Erkenntnisse aus den Brain Mappings und den evozierten Potentialen und andererseits aus den Erfahrungen von damals 27 Jahren praktischer Arbeit mit dem Hörtraining nach Tomatis. Mit Prof. Tomatis, der bis zu seinem Tod an Weihnachten 2001 geistig sehr regsam geblieben war, wurde intensiv diskutiert, welche zusätzlichen Funktionen, die die moderne Digitaltechnik mittlerweile ermöglichte, in das neue Elektronische Ohr eingebaut werden sollten. Als Ergebnis dieser gemeinsamen Arbeit entstand ein neues „Elektronisches Ohr“, das erstmals völlig digital arbeitete (mit 96 kHz und 24 Bit) und mehrere neue und erweiterte Einstellmöglichkeiten bot. Ein erster Prototyp war bereits vor Tomatis Tod fertiggestellt. Dieses neue „Elektronische Ohr“ erhielt später den Namen „Brain Activator“.
 
Prof. Tomatis selbst und Marc Bongiorno publizierten in „Tomatis News“ im Jahr 1991 einen sehr interessanten Artikel, in dem zur digitalen Audiotechnik das folgende Fazit gezogen wurde: „Gemessen an den Ansprüchen, die von der Audio-Psycho-Phonologie gestellt werden müssen, ist die Klangqualität der aktuellen (1991) Digitaltechnik noch nicht ausreichend. Wir glauben jedoch, dass sie in Zukunft eine hervorragende Klangqualität ermöglichen wird.“ (Sinngemäße Wiedergabe)
 
Die Möglichkeiten der Digitaltechnik und damit die Qualität der Musikwiedergabe erweiterten sich im Laufe der neunziger Jahre rapide. Es wurde möglich, Musik praktisch ohne Qualitätsverlust zu digitalisieren; insbesondere bei den hohen Frequenzen führte das Format 24 Bit und 96 kHz zu einer großen Qualitätssteigerung. Damit bleibt die hohe Qualität analoger Aufnahmen beim Digitalisieren erhalten.
Der Funktionsumfang, verglichen mit dem Elektronischen Ohr, wurde durch die neuen und zusätzlichen Funktionen des Brain Activator bedeutend erweitert:

 

  • Die Kippgrenze ist verstellbar: Sie war beim Elektronischen Ohr auf 1000 Hz festgelegt, beim Brain Activator ist sie einstellbar auf 500, 750, 1000, 1500, 2000 oder 3000 Hz.
  • Die Steilheit (Gradient) der Bass- und Höhenregler von K1 und K2 kann verändert werden. Beim Elektronischen Ohr gab es nur die fixe Einstellung auf 6 dB/Oktave, neu ist die zusätzliche Wahlmöglichkeit für einen Gradienten von 12 oder 18 dB/Oktave.
  • Die Balance kann für das rechte oder das linke Ohr eingestellt werden. Beim Elektronischen Ohr war nur die Lautstärke des linken Ohres veränderbar.
  • Neu ist die Möglichkeit, den Kanalwechsel feinfühlig einzuregeln, ohne die Ausgangslautstärke zu verändern. Das geschieht mit dem Drehregler „SWITCH“.
  • Die Anzahl der möglichen Kombinationen aus verschiedenen Einstellungen ist stark gestiegen: Konnten beim Elektronischen Ohr nur die Kanaleinstellungen mit einem Highpassfilter der Filtereinheit kombiniert werden, so können beim Brain Activator die verschiedenen Einstellungen der Kanäle, des Gradienten, und der Kippgrenze untereinander und mit der Filtereinheit kombiniert werden, wobei letztere neben den bekannten Highpass-Einstellungen zusätzlich auch einen Lowpass-Filter bietet. Damit kann vielen Patienten besser geholfen werden, da sehr viel individuellere, speziell auf einen Patienten zugeschnittene Programmeinstellungen eingesetzt werden können.
Dank der Digitaltechnik erreichen die Kanalsteller und die Filtereinheit exakt die theoretischen Sollwerte, während mit der Analogtechnik des Elektronischen Ohres ein Teil der Werte deutlich unter dem theoretischen Sollwert blieben. Selbstverständlich kann ein Brain Activator auch so eingestellt werden, dass die Klangqualität, also das, was ein Patient im Kopfhörer hört, genau dem Klangeindruck entspricht, den man mit dem Elektronischen Ohr hatte. Dazu müssen z. B. bei der pädagogischen Einstellung die Kippfrequenz auf 1000
Hz, der Gradient auf 6 dB/Oktave und die Klangregler folgendermaßen eingestellt werden:

   

            Kanal 1:   +5   -3,7                     Kanal 2:   -3,6   + 5